
Copyright: Walt Disney Prod.
Der Glöckner von
Notre Dame
Als Vorlage für den 34. Kinotrickfilm von Walt Disney diente ein Klassiker der moderneren Literatur. Es existierten von ihm bereits eine Reihe von Kino- und TV-Fassungen - die ältesten noch aus der Stummfilmära (1905 "Esmeralda" und andere) - dazu gab es alleine 16 Opern, die auf dem Stoff basieren und unzählige Bühnenstücke. Und nun wagten sich die Disney Studios an einen Stoff, der eine bitter-süße Liebesgeschichte zwischen einem buckligen, verlachten Glöckner und einer schönen Zigeunerin erzählt. Sie wurden dem Stoff voll und ganz gerecht und schufen einen der dichtesten und vielleicht den bisher "erwachsensten" Trickfilm aus dem Hause Disney.
Die Vorlage des Franzosen Victor Hugo (unter anderem "Les Miserables") erschien bereits 1831 unter dem Titel "Notre-Dame de Paris". Darin wird eine dramatische und spannende Liebesgeschichte geschildert, die sich im Jahre 1482 rund um die berühmte Kathedrale abspielt und in der die feurige Liebe zu einem Zigeunermädchen gleich drei Männern - sowie der Angebeteten - Tod und Verzweiflung bringt. Ganz so melodramatisch konnte die Geschichte bei der Adaption für einen Trickfilm natürlich nicht bleiben - schließlich wollte man das Familienpublikum nicht in tiefe Depressionen stürzen, sondern gut gelaunt aus den Kinosesseln entlassen. Dennoch blieb bei aller Fröhlichkeit und Humor ein düsterer und ernster Grundton erhalten, der diesen Film zu etwas Besonderem macht.
Ein Harlekin führt am Fuße der mächtigen Kathedrale von Paris mit einem Puppenspiel in die Handlung ein, die zunächst kurz die Vorgeschichte des Glöckners erzählt. Er wurde einst vom bösen Stadtrichter, dem hartherzigen und selbstgerechten Frollo zum Waisen gemacht als er seine Zigeuner-Mutter tötete und den Vater im Gefängnis verschwinden ließ. Geplagt von Angst um seine schwarze Seele lässt er das verkrüppelte Kind am Leben und von den Geistlichen in Notre Dame aufziehen. In Paris kennt man ihn nur als "Quasimodo", der verborgen im Glockenturm der Kathedrale lebt. Ein gelungener Anfang, der untermalt von dramatischer Musik sofort in das Geschehen hineinzieht und mit dem arroganten Frollo, einen der besten Bösewichte aus den Zeichenfedern Disneys, gleich zu Beginn vorstellt. Nach diesem düsteren Beginn ist dann zunächst etwas mehr Heiterkeit angesagt. Quasimodo wird vorgestellt, der zwar hässlich von Gestalt, aber ein gutes Herz besitzt. Allein auf dem Glockenturm sind seine einzigen Spielkameraden drei verrückte Wasserspeier, die hier die Rolle der klassischen witzigen Sidekicks übernehmen. Sie überreden den einsamen Glöckner dazu, sich an dem jährlichen Kostümfest unter das Volk zu mischen, um ihn etwas aufzuheitern.
Hier kommen nun die beiden anderen Hauptpersonen ins Spiel. Zunächst die
schöne und selbstbewusste Zigeunerin Esmeralda, die als sinnliche Tänzerin
auch Frollo betört. Er befindet sich von nun an in einem Dilemma zwischen sündhafter Liebe zu dieser Frau
und seiner strengen moralischen Selbstgerechtigkeit. In einer der stärksten
Szenen des Films hält er vor den unheimlich flackernden Schatten eines
Kaminfeuers Gericht über sich und seine Gefühle. Da er das Zigeunermädchen
nicht besitzen kann, soll sie auch niemand anderer haben und er will sie auf
dem Scheiterhaufen brennen sehen.
Dies will unter anderem der neue
Stadtkommandant Phoebus verhindern, der ebenso Esmeraldas Charme verfallen ist und auch Quasimodo entbrennt in Liebe, denn sie zeigt als eine der wenigen Mitleid mit
ihm als sich der Pariser Pöbel an ihm vergreift und sich über ihn lustig
macht. Dabei muss Esmeralda selbst im Schutz der Kirche um Asyl bitten. Also
durchaus auch eine moralisch - politische Botschaft der Toleranz, die hier
eindringlich vermittelt wird. Für Disney in dieser vergleichs-weise direkten
Art doch eher ungewöhnlich. Meist werden ja bestenfalls die Werte der Familie
beschworen - allerdings hatte man im Jahr zuvor schon bei "Pocahontas"
etwas mehr Mut zu sperrigeren Themen gezeigt. Aber keine Angst bei aller
Ernsthaftigkeit und Düsterheit kommt Humor und Spannung auch beim "Glöckner"
nicht zu kurz.
Nach einer spektakulären Flucht aus der Kirche gelingt es Frodo doch noch das
Versteck der Zigeuner ausfindig zu machen, wobei Quasimodo ihnen ungewollt in
die Hände spielt. Natürlich entgeht Esmeralda zum Schluss doch dem grausamen
Feuertod, aber dafür stürzt der strenge Richter von den Zinnen der Kirche.
Aber selbst das Happy End hat diese Mal eine traurige Note, denn natürlich
finden der strahlende Stadtkommandant und die Schöne zusammen. Quasimodo
findet nun neue Freunde und Akzeptanz in der Bevölkerung, aber die Liebe
bleibt ihm verwehrt. Dies wird dann in der deutlich schwächeren
Videofortsetzung geändert.
Neben einer überragenden Geschichte und überzeugend gezeichneten
Charakteren fand ich in diesen Film auch besonders die Musik des achtfachen
Oscar-Preisträgers Alan Menken herausragend. Die Animation entsprach dem
üblichen hohen Disney-Niveau. Der Erfolg blieb jedoch überschaubar. Bei
geschätzten 70 Millionen Dollar Produktionskosten, wurden in den USA über 100
Millionen Dollar eingespielt und in Deutschland waren 3 Millionen Zuschauer
ein beachtliches Ergebnis - beides zufrieden stellende, aber nicht
herausragende Ergebnisse. Auch beim "Oscar" blieb es bei einer Nominierung für
die Musik.
Es scheint so, dass das Publikum und den Kritikern der etwas düstere Disney
nicht wirklich behagte. Allerdings wusste man da noch nicht, dass der nächste
Film einen flippigen
antiken Helden bringen würde.
Originaltitel |
The Hunchback of Notre Dame |
Produktionsfirma |
Walt Disney Pictures |
Produzenten |
Roy Conli, Don Hahn |
Regie |
Gary Trousdale, Kirk Wise |
Story |
Irene Mecchi, Tab Murphy, Jonathan Roberts, Bob Tzudiker, Noni White |
Originalvorlage |
Victor Hugo: Notre-Dame de Paris (1831) |
Musik/Texte |
Alan Menken/Stephen Schwartz |
Jahr |
1996 |
Länge |
86 Minuten |
