Allegro non troppo
Copyright: Bruno Bozzetto

Allegro non troppo

Bereits zwei Trickfilme hatte der italienische Meister des Zeichentrickfilms Bruno Bozzetto ("Herr Rossi") in den sechziger Jahren in die Kinos gebracht. In "Der wildeste Westen" und "VIP - Mein Bruder der Superman" hatte er typisch amerikanische Genrefilme gekonnt aufs Korn genommen und mit seiner unvergleichlichen Handschrift eigenwillig neu interpretiert. Und dann folgte nach fast neun Jahren Kinopause mit "Allegro Non Troppo" eine italienische Version von Disneys "Fantasia". Dieser Vergleich stimmt auf den ersten, oberflächlichen Blick, hält aber einer genaueren Prüfung nicht stand. Bozzetto wäre nicht Bozzetto, wenn er nicht seine ganz eigenständige Interpretation klassischer Werke abliefern würde.

Zunächst einmal hat er eine Live-Rahmenhandlung eingebaut, um die einzelnen Tricksegmente miteinander zu verbinden. Darin geht es um einen verschüchterten, gefangenen Animator, der von einem tyrannischen, jähzornigen Orchesterleiter gezwungen wird, die vorgetragenen klassischen Musikstücke malerisch zu begleiten. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein normales Orchester, sondern das Ensemble besteht aus Damen, die ihre Pensionsgrenze alle schon deutlich hinter sich gelassen haben. Erinnert alles etwas an Fellini meets Dick und Doof. Von den steifen, ehrerbietenden Einführungen unter der Leitung des Dirigenten Stokowski samt seinem Philadelphia Orchestra bei Walt Disney ist bei "Allegro non troppo" also nicht allzu viel übrig geblieben. Getrübt wird das satirische Vergnügen jedoch durch die dilettantischen schauspielerischen Leistungen der Akteure und einem reichlich platten Humor. Entschädigt wird der Zuschauer jedoch mit hinreißenden und abwechslungsreich animierten Interpretationen der klassischen Musikstücke.

Den Anfang der sechs Segmente macht das ruhige "Prélude à l'après-midi d'un faune" von Claude Debussy. Guido Manuli, der häufig mit Bozzetto zusammenarbeitet, hat das Stück gelungen umgesetzt. Ein alter, geiler Satyrs versucht darin, jungen Nymphen nachzusteigen. Dieser tragisch-komische Charakter passt sehr gut in die eher getragene Grundstimmung des Stückes.

Danach folgt für mich persönlich schon einer der Höhepunkte des Films. Maurice Ravels "Bolero" ist nicht nur ein geniales klassisches Stück, sondern wird auch intelligent umgesetzt mit der originellen Grundidee, das Leben auf der Erde mit einer weggeworfenen Cola-Flasche beginnen zu lassen. Angepasst an den hypnotischen Grundrhythmus wird eine sich in vielen bizarren Formen aufteilende Tierwelt geboten. Und während die Arten mühselig ums Überleben kämpfen taucht plötzlich ein behändes Affenwesen auf, dass sich auf Kosten der anderen skrupellos emporarbeitet. Das furiose Finale zeigt, wie die moderne Welt den Tieren endgültig den Garaus macht und in der Krone der Schöpfung steckt hinter der Fassade noch immer der Affe mit seiner Keule.

Eine beschwingtere, kurze Satire folgt mit den "Ungarischen Tänzen" von Dvorak. Hier geht es um den Nachahmungstrieb der dumpfen Masse, der hier jedoch nicht so weit geht, dass er im kollektiven Selbstmord endet. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass einem Führer zu selten das blanke Hinterteil gezeigt wurde.
Genau das Gegenteil zum temporeichen Vorgänger ist der traurig-melancholische "Valse Triste" von Jean Sibelius. Ein Kätzchen mit so riesigen Kulleraugen, daß selbst Bambi und sämtliche Manga-Zeichner vor Neid erblassen, streicht durch eine Hausruine und erinnert sich an bessere Zeiten. Ein wunderbar ergreifendes kleines Kunstwerk.

Da es nicht noch trauriger geht, wird mit dem "Concerto in C Minor" von Vivaldi ein weitere fröhlicher Gegenpunkt gesetzt. Eine Biene - könnte glatt aus Bozzettos Serie "Lilliput" stammen - versucht vergeblich, ein Picknick zu veranstalten.

Abgerundet wird das Konzert nochmals mit einer Satire. Die böse Schlange im Paradies muß nach dem Genuß des verbotenen Apfels selbst alle brutalen Konsequenzen menschlicher Genüsse, Perversitäten und Sünden am eigenen Leib erfahren. Untermalt wird dies mit den etwas schrägen Klängen von Stravinskys "Feuervogel".

Ohne den Anspruch an tricktechnische Perfektion, die an "Fantasia" von Disney angelegt wurde, spiegeln diese fantasievollen und manchmal fast rohen Impressionen besser den Geist der jeweiligen klassischen Stücke wieder. Leider wird dieses Meisterwerk der Animation nur selten im Fernsehen gezeigt, da es dem üblichen Klischee, dass Trickfilm = Kinderkram nun ganz und gar nicht entspricht.

Fans von Herrn Rossi kommen übrigens auch auf ihre Kosten. Der kleine Mann hat einen kurzen, dramatisch endenden Gastauftritt.

 

Originaltitel

Allegro non troppo

Produktionsfirma

Bozzetto Film

Regie

Bruno Bozzetto; Maurizio Nichetti

Produzent

Bruno Bozzetto

Buch

Bruno Bozzetto; Maurizio Nichetti; Guido Manuli

Jahr

1977

Länge

85 Minuten

Homepage

www.bozzetto.com/downallegro.htm

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