
Copyright: Les Armateurs, Production Champion, Sylvain Chomet
Das große Rennen von Belleville
Filme aus Frankreich hatten schon immer einen besonderen Reiz und
eigenwilligen Charme. Meist sind die Charaktere nicht so simpel konstruiert wie
man sie vielfach aus Hollywood-Produktionen kennt. Oftmals landen daher die Krimis,
Psychostudien oder Komödien nur in Programmkinos, auf Kulturprogrammen wie ARTE
oder werden nach 23 Uhr verbannt. Ausnahmeerfolge wie "Die wunderbare Welt
der Amelié" sind da nur die berühmte Ausnahme der Regel.
Im Bereich Animationsfilm ist sieht das nicht anders aus. Mit dem Festival von
Annecy findet nicht nur das wichtigste Animationsfestival in Frankreich statt,
sondern schon seit Jahrzehnten kommen in schöner Regelmäßigkeit
Produktionen von unseren westlichen Nachbarn, die eine eigenwillige Handschrift
erkennen lassen und nicht unbedingt auf den schnellen Erfolg zielen wie es
leider allzu oft deutsche Produktionen tun. Genannt seien hier Filme wie
"Der phantastische Planet" (1972), "Der König und der
Vogel" (1979), "Die Herren der Zeit" (1982) oder "Kirikou und die Zauberin"
(1998). Als ideale Inspirationsquelle erweist sich dabei zusätzlich die große
Tradition und Anerkennung, die die Comics im franko-belgischen Raum als eigene
Kunstform genießen. Aus diesem Umfeld stammen oftmals die Zeichner und
Regisseure, die sich dann an einen Trickfilm wagen.
Genau diesen Hintergrund kann Sylvain Chomet aufweisen, der schon 1997 mit
seinem ersten Kurzfilm "Die
alte Dame und die Tauben" eine Oscar-Nominierung einheimste. Dann
wandte er sich gleich dem Langfilm zu und erhielt mit "Les Triplettes des
Belleville" neben vielen, vielen Festival-Preisen eine weitere
Oscar-Nominierung. Ohne "Findet
Nemo" hätte es wohl zum Gewinn der goldenen Statuette gereicht. Dank
der Zusammenarbeit mit kanadischen Firmen - Chomet lebt selbst in Kanada - die
aufgrund der sprachlichen Verbundenheit und eigener Trickfilm-Tradition oftmals
bei französischen Produktionen mitmischen, können diese Filme sogar auf einen
US-Verleih hoffen. Dies öffnet nicht nur einen riesigen potenziellen Markt
sondern ermöglicht auch die begehrte Oscar-Nominierung.
Dabei geht es im Film vordergründig um eine der typisch französische
Leidenschaft - nein, nicht der exquisiten Küche - sondern dem Radsport. Aber
der Beginn verschlägt den Zuschauer zunächst in die Zeit als Trickfiguren in
schwarz-weiss mit überlangen Armen und Beinen die Leinwände bevölkerten. In den
30er Jahren sorgten zudem wilde Shows der Music-Halls, in denen Frauen wie
Josephine Baker ihre skandalumwitterten Auftritte hatten, für Furore.
Musikalisch begleitet wurden sie unter anderem von den frech-fetzigen Songs der
Andrew-Sisters. In ihrer Tradition standen auch die Damen des "Triplettes
de Belleville", die mit heißen Dschungelrhythmen die Auftritte
untermalten. All das schaut sich Jahre später ein kleiner, introvertierter
Waisenjunge im Fernsehen an, der bei seiner Großmutter Madame Souza irgendwo in
einer kleiner Wohnung eines Pariser Vororts lebt.
Aber nicht nur er gehört zur eher schweigsamen Sorte, sondern generell wird an
Worten im Film sehr gespart. Das Winseln, Bellen oder Jaulen des Hundes Bruno,
den der Junge geschenkt bekommt, sind so noch die größte
"Sprecherrolle" des Films. Bei aller Tierliebe scheint das besondere
Interesse des pummeligen Jungen aber vor allem Drahteseln zu gelten. Und so
sehen wir Jahre später wie sich ein inzwischen sehniger, junger Mann mit
überlanger Nase, der an Buster Keaton erinnert, sich Steigungen auf einem
Rennrad heraufquälen. Im Schlepptau seine Großmutter, die ihn gnadenlos mit
ihrer Trillerpfeife antreibt. Doch alle Schinderei hilft nichts, denn als
Teilnehmer der Tour de France hängt er mit zwei weiteren Teilnehmern bei der
Bergetappe deutlich dem Feld hinterher.
Das Fahrzeug, das die erschöpften Fahrer aufsammelt, entpuppt sich jedoch als
Falle und coole Mafiosi-Typen entführen die Radler nach Belleville - unschwer
dank karikierter Freiheitsstatue als New York zu identifizieren. Hier verliert
die Großmutter, die ihnen bisher samt Hund hartnäckig auf den Fersen geblieben
war, die Spur. Stattdessen trifft sie auf das Sangestrio, bekannt vom Anfang
des Filmes und findet bei ihnen Unterschlupf. Die drei Damen Rose, Blanche und
Violet sind inzwischen reichlich kauzig geworden. So werden im nah gelegenen
Sumpf Frösche mit Dynamit gejagt und nach allerlei ziemlich ekligen
Zubereitungsformen verspeist - dies zum Thema kulinarische Köstlichkeiten der
französischen Küche.
Den alten Damen gelingt es schließlich die verschwundenen Fahrer ausfindig zu
machen. Sie müssen in den Klauen einer Art französischer Mafia an illegalen
Radrennen auf einer mörderischen Maschine teilnehmen. In einem dramatischen
Finale gelingt aber die Flucht.
Der Schluss ist neben der fetzigen Musik das einzige temporeiche in einem Film,
der durch eine ganz eigene Atmosphäre, die geschickt 3D und traditionellen
Trickfilm verbindet, zwar zu überzeugen weiß, mir aber schlicht zu schleppend
inszeniert ist. Die fehlenden Dialoge sorgen zudem dafür, dass andere Geräusche
wie die Trillerpfeife der Großmutter oder die Laute des Hundes besonders
hervortreten - und nerven. Der Humor mit Reminiszenzen an ebenfalls stille
Größen wie Tati oder Buster Keaton ist zudem auch nicht ganz meine Sache.
Beeindruckend aber die Charaktere, alle karikaturenhaft-grotesk überzeichnet
und hervorragend animiert. Sicherlich kein Animationsfilm für die breite Masse
- insbesondere nichts für Kinder. So muss man froh sein, dass der Film doch
noch einen deutschen Verleih fand. Die gebührende Aufmerksamkeit wird er aber
wohl nur auf den Feuilleton-Seiten der Filmkritiker erhalten.
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Originaltitel |
Les Triplettes
de Belleville |
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Land |
Frankreich, Belgien, Kanada |
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Produktionsfirmen |
Les Armateurs,
Production Champion, Vivi Film, France 3 Cinéma, RGP France |
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Produzenten |
Didier Brunner; Viviane Vanfleteren |
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Regie und Buch |
Sylvain Chomet |
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Musik |
Benoît Charest,
Mathieu Chedid |
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Jahr |
2002 |
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Länge |
81 Minuten |
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Internet |
