
Copyright: Studio Ghibli
Chihiros Reise ins Zauberland
Was hat dieser Film nicht alles an Preisen gewonnen: Neben vielen, vielen
Trophäen auf den diversen Animations-Festivals dieser Welt, gab es 2003
schließlich noch den Oscar für den besten Animations-Spielfilm. Dies war erst
durch den Einsatz in amerikanischen Kinos möglich - den Verleih übernahm erneut
Disney und brachte sich damit selbst um den möglichen Oscar-Gewinn. In
Deutschland hatte der Film bereits 2002 - als erster Animationsfilm
überhaupt!! - den "Goldenen Bären" erhalten, aber für einen
Kinoeinsatz war das scheinbar trotzdem nicht ausreichend. Es musste wohl doch
erst der "Oscar" sein, bevor man endlich, endlich im Sommer 2003 den
Film dem deutschen Publikum zutraute.
In Japan hatten zuvor das hoch gelobte Meisterwerk des japanischen Altmeisters
Hayao Miyazaki über 21 Millionen Zuschauer (Einnahmen 227 Mio. Dollar)
gesehen - somit fast jeder sechste Japaner. Damit wurde im Land der aufgehenden
Sonne "Titanic" von Platz 1 der Liste der erfolgreichsten Kinofilme
verdrängt..
Während ansonsten viel billige Animé-Mist aus Fernost bei uns gierig
aufgegriffen wird, wurde der Film lange links liegen gelassen. Vielleicht
erinnerte sich so mancher Verantwortliche an den ebenfalls von Miyazaki
produzierten Animationsfilm "Prinzessin
Mononoke", der hymnische Kritiken bekam, aber in Deutschland völlig
unterging (70.000 Besucher). Zwar wurde jetzt mehr Geld in die Werbung gesteckt
und alle wichtigen Medien berichteten über den Kinostart, aber der deutsche
Zuschauer denkt doch lieber weiter in seinen Schubladen: Zeichentrickfilm =
Kinderkram, Disney und lustiges Spektakel. Animationsfilme, die das nicht
einzulösen scheinen, werden ignoriert. Armes Deutschland, das so einige
wirklich gute Trickfilme verpasst.
Und Chihiro ist ein unglaublich schöner Film voller Erzählkraft und
Imagination, die für mehrere Filme gereicht hätte. Miyazaki und sein Team
beschert uns fantastische Figuren in einer solchen Fülle, eingebettet in einer
fesselnden Geschichte, dass man die über zwei Stunden, die der Film dauert,
gebannt in seinem Kinosessel sitzt. Dabei lässt sich der japanische Altmeister
immer wieder auch Zeit für ruhige Passagen. Als Zuschauer stelle ich an mir
selber fest, wie sehr man inzwischen auf temporeiche Actionspektakel und
schnelle Schnitte getrimmt ist. Nicht missverstehen, Tempo, Witz und Spannung
besitzt der Film, aber er kann sich auch Zeit lassen für ruhige und
poetisch-verträumte Passagen. Übrigens die Kinder im Kino - so zwischen 10 und
12 Jahren - hatten damit überhaupt keine Probleme und ließen sich ebenfalls von
dem Geschehen in den Bann ziehen.
Wie schon bei "Prinzessin Mononoke" steht ein kleines, zehnjähriges
Mädchen im Mittelpunkt der Geschichte, die diesmal nicht in einer fiktiven Welt
spielt, sondern im Japan der Gegenwart - aber phantastisch und voller Zauber
ist das Geschehen trotzdem. Der Originaltitel, übersetzt "Das Verschwinden
von Sen und Chihiro/Sen und Chihiro, versteckt von den Göttern", verrät
schon etwas mehr worum es dabei geht.
Eine typisch moderne japanische Familie ist mit dem Auto auf dem Weg zu ihrem
neuen Haus. Die verzogene Tochter Chihiro ist sauer, ihre alten Freunde zu
verlieren und kann nicht verstehen, warum sich ihre Eltern als sie sich
verfahren einen Ort ansehen, der ein verlassener Vergnügungspark zu sein
scheint. Hier plündern ihre hungrigen Eltern, einfach einen Stand mit Leckereien.
Das erzürnt die alte Hexe Yubaba, die Herrscherin der seltsamen Stadt ist, die
von Naturgeistern und Göttern bevölkert wird. Sie bestraft die Völlerei der
Eltern. Was bei Pinocchio die
Mutation zum Esel, ist hier die Verwandlung in Schweine. Nur Chihiro kann ihre
Eltern wieder befreien, wenn sie von nun an hart im Badehaus der grausamen
alten Dame als Putzhilfe arbeitet. Ohne Namen, nur noch Sen genannt, droht sie
ihr früheres Dasein zu vergessen, wäre da nicht ein geheimnisvoller Junge
namens Haku, der ihr hilft.
In diesem japanisches Badehaus, treffen sich alle möglichen Naturgötter, um
sich vom Dreck und Schlamm der Moderne zu säubern. So muss eine verwöhnte
japanische Wohlstandsgöre plötzlich wieder die alten Tugenden Fleiß, Gehorsam
und Ausdauer lernen, um zu überleben.
Kling ziemlich konservativ und pädagogisch, ist es aber nicht. Eher wird wie
schon bei "Mononke Hime" eine idyllisch, verlorene Zeit beschworen,
in der es noch jede Menge Geheimnisse, phantastische Fabelwesen und prächtige
Natur gab statt Lärm, Gestank und anonymes Großstadtgetümmel. Dabei verliert
sich der Film aber nicht in pure Nostalgie und Postkartenkitsch-Bilder, sondern
hält dem modernen Japan, und damit ebenso Europa, immer wieder einen Spiegel
vor das Gesicht. So gibt es einen Dämon namens Kao-nashi ("Ohne
Gesicht"), der mit Gold um sich wirft, dafür aber die Leben der gierigen
Dienerschaft fordert. Dieser Dämon ist dann aber nicht so böse wie er zunächst
scheint, so wie jede Figur in diesem Film nicht dem sonst üblichen Gut-Böse
Schema unterworfen ist, sondern eben beide Eigenschaften in sich vereint.
Besonders Sen/Chihiro macht einen erstaunlichen Wandlungsprozess durch. Von der
verwöhnten, quengeligen Göre wird sie zu einemselbstbewussten, ehrlichen und
mutigen Mädchen, das nicht nur ihre Eltern rettet, sondern auch Haku seinen
Namen wiedergibt.
Es würde zu weit führen, alle Figuren und Geschehnisse im Badehaus hier
schildern zu wollen, dafür sind es einfach zu viele. Am besten selbst den Film
anschauen und sich von der Fabelwelt des Herrn Hayao Miyazaki verzaubern lassen
und hoffen, dass er nicht seine Drohung wahr macht und sich aufs Altenteil
zurückzieht.
|
Originaltitel |
Sen to
Chihiro no Kamikakushi (US Titel: Spirited Away) |
|
Produktionsstudios |
Dimension / Miramax |
|
Animationsstudio |
Studio Ghibli |
|
Regie |
Hayao Miyazaki |
|
Drehbuch |
Hayao Miyazaki |
|
Musik |
Joe Hisaishi (Score); Yumi Kimura (Titelsong) |
|
Jahr |
2001 |
|
Länge |
124 Minuten |
|
Homepage |
bventertainment.go.com/movies/spiritedaway/index.html |
