Dornröschen
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Dornröschen und der Prinz

Der 16. abendfüllende Trickfilm aus dem Hause Disney beginnt gleich mit einem ziemlich abgegriffenen Klischee. Vor den Augen des Zuschauers wird ein Märchenbuch geöffnet und schon befindet man sich in einer zauberhaften Märchenwelt. Sicherlich gibt es niemanden, der das Grimmsche Märchen von der verfluchten Königstochter und ihrem 100jährigen Schlaf nicht kennt. Allerdings hat man sich in den Studios eher von der französischen Version und weniger von der deutschen Variante des Themas leiten lassen und natürlich wurde im Studio noch zusätzlich kräftig an der Story gefeilt.
 
Hauptperson ist weiterhin eine junge Prinzessin. Schon als kleines Kind wird Aurora dem Knaben Phillip als Frau versprochen. Mit 16 Jahren soll geheiratet werden, hecken die beiden Könige Stefan und Hubert aus. Bei der Geburtstagsfeier schenken drei Feen (Flora, Fauna und die dicke Sonnenschein), die sehr matronenhaft daher kommen, dem kleinen Mädchen Schönheit und eine goldene Stimme: Plötzlich taucht die die böse und mächtige Fee Malefiz auf und droht Aurora den Tod durch Spindelstich mit 16 Jahren an. Die dritte Fee – Sonnenschein – kann den Fluch nicht aufheben, aber zumindest noch abmildern: Durch den Kuss der Liebe würde Aurora wieder zum Leben erweckt.

Um das Mädchen vor dem bösen Fluch zu schützen übernehmen die drei Feen nun die Erziehung des Mädchens in einer abgelegenen Waldhütte: In "Die Hexe und der Zauberer" wird die Idee nur vier Jahre später wieder aufgegriffen. Als Bauernmädchen Röschen lebt sie, ohne ihre wahre Herkunft zu kennen oder etwas von dem Fluch zu ahnen, in einer Idylle auf. Dabei kommt es zu der süßlichen Szene, bei der sie mit den Vögeln singt - eine Situation, die genial bei "Shrek" veräppelt wurde.

Wie wir alle wissen, und die Geschichte hat auch dringend etwas mehr Tempo nötig, kann es bei Friede, Freude, Idylle nicht bleiben. Zunächst trifft Röschen/Aurora zufällig ihren Prinzen im Wald und ohne von ihrer arrangierten Heirat zu wissen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Dann finden endlich die Helfer von Malefiz das Versteck der Königstochter. Daran sind die drei streitenden Feen nicht ganz unschuldig. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und Aurora haucht zwischenzeitlich ihr Leben aus. Damit die Burgbewohner nicht zu sehr um Aurora trauern, werden sie von den guten Feen (!!!) in Tiefschlaf versetzt  – ziemlich krude Logik, oder?
Prinz Philipp wird wiederum von der hinterhältigen Malefiz gefangen gesetzt, befreit und erledigt die böse Zauberin als Drachentöter, denn in diese Gestalt hat sie sich verwandelt. Der Kuss der Liebe ist dann nur noch ein Klacks.

Als der Film entstand – erste Pläne gab es bereits ab 1950 und eigentlich war "Dornröschen" sogar als zweiter abendfüllender Film nach "Schneewittchen" geplant - begann der Siegeszug der reduzierten TV-Animation, die in Trickserien wie Gerald Mc Boing Boing von UPA gipfelte. Disney, dem die Kritiker vorwarfen "Old Fashioned" zu sein, folgte dem Zeitgeist und verwandte deutlich kantigeres Layout: Künstler Eyvind Earle ließ sich von Gotik und Renaissance-Abbildungen  beeinflussen. Das tut aber optisch weh, vor allem da die eckigen Formen wiederum nicht mit den rundlichen Figuren wie den Feen harmonieren. Hinzu kommt eine extrem süßliche Musik (Tschaikovskys Ballett-Musik stand hier Pate), die heute nur noch sehr schwer zu ertragen ist. Die wenig originelle Bearbeitung des Originals tut ihr übriges dazu – lediglich die drei Feen sorgen für etwas Witz und bringen Abwechslung in die müde und biedere Umsetzung. Überzeugend sind dagegen die frischen Farben und der optisch hervorragend umgesetzte Kampf gegen den Feuer speienden Drachen.

Sicherlich müssen einige Abstriche an den damaligen Geschmack gemacht werden und der Zahn der Zeit hat kräftig am Film genagt, aber sieht man den Film im Umfeld der vier Jahre älteren „Susi und Strolch“ oder der zwei Jahre jüngeren „101 Dalmatiner“ langweilt bei "Dornröschen" die Geschichte und die künstlerische Umsetzung ist zwar grafisch mutig, wirkt aber leider seelenlos. Walt Disney lag der Film selbst sehr am Herzen und er setzte mit dem Einsatz von Technirama und 70mm Film sowie massivem Einsatz von menschlichen Schauspielern als Vorbilder für Bewegung und Mimik wieder technische und künstlerische Maßstäbe, aber durch den Bau von Disneyland war seine Aufmerksamkeit immer wieder abgelenkt. So erklärt sich auch die lange Produktionszeit von sechs Jahren samt den damit verbundenen hohen Kosten von 6 Millionen Dollar. Davon wurden lediglich 5,3 Millionen Dollar bei der ersten Veröffentlichung eingespielt, denn weder Kritiker noch Publikum wollten sich an den "neuen" Disney gewöhnen und vermissten unter anderem die beliebten tierischen Figuren. Mahnende Stimmen, die den Drachenkampf als zu laut und brutal für Kinder empfanden, kann man dagegen heute nur noch belächeln.
Obwohl es der letzte Film ist, dem Disney selbst volle Unterstützung gewährte, ist er für mich einer der schwächsten abendfüllenden Trickfilme aus dem Hause  Disney - aber es gibt noch schlechtere.

Originaltitel

Sleeping Beauty

Produktionsfirma

Walt Disney Productions

Regie

Clyde Geronimi

Buch

Ted Sears, Winston Hibler, Bill Peet, Erdman Penner, Joe Rinaldi,
Milt Banta, Charles Perrault, Ralph Wright

Musik

George Bruns und Peter Tschaikovsky (Musik); Tom Adair (Songs)

Jahr

1959

Länge

75 Minuten

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