
Copyright: Disney
Pocahontas
Wie konnte der Mega-Erfolg des "Der
König der Löwen" im Vorjahr noch getoppt werden? Entweder
man hätte mit dem Erfolgsrezept weitergekocht und einen müden Aufguss
produziert oder etwas völlig anderes gemacht. Allerdings blieb die Entscheidung
damals dem Management erspart, denn die Produktionszeit eines Disney-Spielfilms
dauert drei bis fünf Jahre und so stand der Nachfolger schon lange fest,
als noch niemand den Erfolg vom "Lion King" erahnte. Und so hatte
der Nachfolger nun überhaupt keine Ähnlichkeiten zum Vorjahreserfolg.
Zwar trug "Pocahontas" einerseits einige typische Disney-Elemente
wie Gesangsparts und putzig-freche Tierfiguren, wagte andererseits aber auch
etwas Neues - und war ein Film, der bei vielen Kritikern und letztendlich beim
Publikum durchfiel. Und das zu Unrecht. Sicherlich ist er kein Meisterwerk wie
zum Beispiel der "Glöckner von Notre Dame" im darauffolgenden
Jahr, hat aber einige starke Momente und wagte neue zeichnerische Wege.
Erstmals wurde beinem Disney-Kinofilm als Filmstoff eine "wahre" historische
Begebenheit verwendet - später wurde dies bei "Mulan" (hier allerdings auf einer Legende mit historischem
Hintergrund basierend) wiederholt. Natürlich wurde die Historie aus der
Frühzeit der amerikanischen Besiedlung um die junge Häuptlingstochter
Pocahontas und ihrer Liebe zum weißen Abenteurer John Smith in der Disney-Werkstatt
kräftig geschönt und verändert.
Zwar behielt man die Grundstruktur der Geschichte bei, aber die Details wären
wohl doch etwas zu starker Tobak gewesen. Die Tochter des Häuptlings Powhatan
war etwa 12 Jahre (!) alt als sie sich in den deutlich älteren Smith (27
Jahre) verliebte und ihn samt der neu gegründeten Siedlung Jamestown vor
der Vernichtung bewahrte. Sie heiratete später allerdings einen anderen
Weißen und ging als Lady Rebecca nach England, wo sie mit 21 Jahren an
den Pocken starb - diese Geschichte wird, natürlich wieder stark geändert,
in der Videofortsetzung geschildert.
Trotz der Änderungen blieb es dennoch ein ziemlich "erwachsener"
Disney-Film, der spätere Versuche vorwegnahm, ein älteres Publikum
zu gewinnen und damit die bisherige Erfolgsformel unterlief, jung und alt gleichermaßen
zu unterhalten. Das lag an der Liebesgeschichte zwischen Pocahontas, einer schlanken
Schönheit mit fein geschnittenen Gesichtszügen und dem blonden Schönling
John Smith (Originalstimme Mel Gibson), die aber diesmal ohne Happy End auskommen
muss! Zum zweiten an einer Art Öko-mystischer Grundstimmung. Dieses Naturmystik
ist übrigens eine der wenigen Parallelen zum "König der Löwen"
mit seinem "Circle of Life".
Für Kinder gibt es dagegen einige schöne Lieder, niedliche Tiere wie
den verfressenen Waschbär (Meeko), einen vorwitzigen Kollibri (Flit) und
einen dämlichen Mops-Hund (Percy) - letzterer natürlich auf Seiten
des Bösewichts. Sie bleiben aber alle sprachlos. Der Fiesling tritt diesmal
in Gestalt des raffgierigen John Ratcliffe auf, der für die "Virginia
Company" Gold aus der Neuen Welt mitbringen will. Einer seiner Soldaten,
John Smith, trifft auf die in friedlicher Naturverbundenheit lebende Häuptlingstochter
Pocahontas. Sie ist einem jungen Krieger namens Kocoum versprochen, will aber
den ihr vorgezeichneten Weg nicht gehen (auch hier eine Analogie zur selbstbewussten
"Mulan"). Die von Ratcliff angetriebenen Siedler und die sich bedroht
fühlenden Indianer, drohen rasch in einen blutigen Konflikt zu geraten.
Nur durch die waghalsige Intervention von Pocahontas und John Smith, der die
naturverbundene Lebensweise der "Wilden" schätzen gelernt hat,
kann der Konflikt schließlich verhindert werden. Allerdings wird John
dabei so schwer verletzt, dass er allein nach England zurückkehren muss.
Das alles wird mit einigen wunderschönen Bildern und guten Songs erzählt.
Verquirlt wird es mit etwas zu viel Pathos, Kitsch und Esoterik - nur durch
einige witzige Szenen mit den Tiere aufgelockert. Für Kinder also zu wenig
Lustiges, für Erwachsene wiederum zu viele Klischees.
Bei aller berechtigter Kritik hat der Film aber eine Reihe starker Szenen, stellenweise
ein ungewöhnliches Artwork, das leider nicht durchgehend eingesetzt wird
und besticht mit einigen originellen Ideen wie einem 400 Jahre alten sprechenden
Baum. Insgesamt also ein weiterer Disney-Film, der zum Pflichtprogramm gehört,
aber sicherlich nicht jeden zufrieden stellt.
Originaltitel |
Pocahontas |
Produktionsfirma |
Walt Disney Pictures |
Produzenten |
Baker Bloodworth, James Pentecost |
Regie |
Mike Gabriel, Eric Goldberg |
Buch |
Carl Binder, Andrew Chapman, Susannah Grant |
Musik |
Alan Menken, Stephen Schwartz |
Jahr |
1995 |
Länge |
81 Minuten |
Internetseite |
www.cyberkino.de/entertainment/kino/107/107956.html |
