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Pocahontas 2: Reise in eine neue Welt
Wegen der bestenfalls zurückhaltendenden Reaktion auf den 33. abendfüllenden
Disney-Spielfilm "Pocahontas"
von 1995 gab es keine TV-Serie zum Film und auch die Videofortsetzung liess
drei Jahre auf sich warten. Dabei bot sich eine Fortsetzung an bei dem offenen
Ende der Geschichte, die ja nicht nicht mit dem üblichen "und sie
heirateten und lebten glücklich bis an ihr Lebensende" zu Ende ging.
John Smith kehrte am Ende des Kinofilms verletzt in die englische Heimat zurück
und ließ die hübsche Indianertochter Pocahontas in der Neuen Welt
zurück. Dort sollte sie den Frieden zwischen weißen Siedlern und
indianischen Ureinwohnern sichern.
Die Videofortsetzung beginnt mit einer kurzen Sequenz in England. Hier wird
John Smith des Hochverrrats angeklagt, denn der schmierige Fiesling Ratcliff,
Bösewicht aus Teil 1, hat es geschafft, sich bei Hofe einzuschmeicheln.
Sein Ziel ist es eine Flotte auszurüsten, um in Amerika Rache an den Indianern
für seine erlittene Schmach zu nehmen. John gelingt zwar knapp die Flucht,
aber für seine Umwelt gilt er als tot.
Blende nach Amerika. Hier kann
man von einem harmonischen Zusammenleben der Indianer und Siedler nicht gerade
sprechen. Misstrauen und Vorurteile beherrschen das Miteinander. Auch Pocahontas,
die ihrem geliebten John Smith nachtrauert, gelingt es nicht, die Spannungen
abzubauen. Trost findet sie bei ihren tierischen Freunden, dem gefräßigen
Waschbär Meeko und dem flinken Kollibri Flit, zu denen sich nun der Mops
Percy gesellt, der im Kinofilm noch auf Seiten des Fieslings Ratcliff gestanden
hatte - er hat also wie seinerzeit der Papagei Jago bei "Aladdin" die Seiten gewechselt.
Voll Hoffnung erwartet Pocahontas deshalb die Ankunft eines neuen Schiffes aus
England, das aber nur die traurige Nachricht vom Verschwinden John Smiths bringt
und einen weiteren Schönling mit einem weiteren Allerweltsnamen: John Ralph.
Er lädt den Häuptling in Namen des König James ein, in England
für sein Volk zu sprechen - als wenn jemals ein europäischer Herrscher
sich den Kopf über die "Wilden" gemacht hätte - aber es
ist ja auch ein Trickfilm und keine wirklichkeitsgetreue historische Rekonstruktion.
Natürlich geht an Stelle des Vaters Pocahontas selbst, um sich für
ihr Volk einzusetzen und natürlich ihrem Herrn Smith nachzuforschen. Aber
es deutet sich bereits ein gewisses Interesse an John Nummer 2 an. Neben der
treuen tierischen Gefolgschaft, die sich heimlich an Bord schleicht, bekommt
sie den stets streng schauenden, meist sprachlosen Indianer Uta Mate Make zur
Seite gestellt.
In London angekommen ist Pocahontas von der fremden Zivilisation fasziniert.
Als sie jedoch von den Plänen einer Kriegsflotte gegen ihr Volk erfährt,
muss sie ihr Temperament zügeln und will den König beweisen, dass
in Amerika keine unzivilisierten (was immer das heissen mag) Wilden hausen.
Jetzt wird es „My Fair Lady“-like. Der verliebte John Ralph versucht ihr mit
Hilfe seiner etwas zerstreuten Haushälterin und kritisch beäugt von
Uta Mate Make, die höfischen Regeln beizubringen. Beim jährlichen
Jägerball soll nämlich das Zusammentreffen zwischen König James
und der Häuptlingstochter stattfinden.
Alles geht glatt bis eine Bär von der dekadenten Hofgesellschaft gequält
wird. Bei dem Versuch ihn zu befreien, landet Pocahontas selbst hinter Gittern.
Doch da taucht plötzlich wieder Smith auf und beide Johns befreien sie.
Dann kann der König von den hinterhältigen Plänen Ratcliffs
überzeugt werden und diesmal scheint einem Happy End, nichts mehr im Wege zu
stehen.
Doch plötzlich schien man sich bei Disney, an das historische Vorbild erinnert
zu haben. Hier heiratete Pocahontas schließlich auch nicht John Smith,
sondern einen anderen Engländer. So auch hier. Smith stellt sich plötzlich
als ziemlicher Hallodri und Draufgänger heraus, der auf die Ehe nun wirklich
keinen Bock hat und überlässt Pocahontas ohne große Probleme
John Ralph.
Dieser Schluss stellt den Kinofilm doch etwas auf den Kopf - man sollte ihn
übrigens unbedingt vorher gesehen haben, sonst kapiert man einiges nicht.
Aber insgesamt kann sich die Videofortsetzung trotz den üblichen qualitativen
Einbußen - so zeichneten die Disney TV Studios für die Produktion
verantwortlich - sehen lassen. Inhaltlich hätte man gerne mehr über
den „clash of cultures“ gesehen und Pocahontas in europäischen Klamotten
wirkt plötzlich nur noch wie ein Barbiepüppchen. Bleiben die bekannten
Gestalten etwas schwach, so können die neuen Figuren überzeugen. Na
gut, John Ralph ist der übliche Schönling, aber insbesondere der coole
Uta Mate Make und die tüddelige Haushälterin sind für manchen
Witz gut. Weitgehend verschwunden ist auch der esoterische Touch des Kinofilms.
Aber für einen vergnüglichen Videonachmittag reicht es allemal – nur
was sollte das mit John Smith?
Originaltitel |
Pocahontas II: Journey to the New World |
Produktionsfirma |
Walt Disney Television Animation |
Produzenten |
Alan Zaslove, Jeannine Roussel |
Regie |
Bradley Raymon, Tom Ellery |
Drehbuch |
Allen Estrin, Cindy Marcus, Flip Cobler |
Musik und Songs |
Marty Panzer, Larry Grossmann |
Jahr |
1998 |
Länge |
81 Minuten |
