
Copyright: Playtone Comp.; Castle Rock Entertainment
Der Polarexpress
Wird ein neuer Film vom Regisseur Robert Zemeckis angekündigt,
ist der Meldung automatisch erhöhte Aufmerksamkeit bei Filmfans sicher.
Schließlich stammten von ihm Meisterwerke wie "Forrest Gump" (1994) oder "Zurück in die
Zukunft". Aber auch Trickfilm-Fans geraten bei dem Namen ins Schwärmen, denn mit
"Roger Rabbit" (1988) gelang ihm der bisher beste Mischfilm, der Trick- und Realfilm
verschmolz. Nun wendet sich Zemeckis erneut dem animierten Film zu -
dieses Mal mit dem Anspruch, die Verbindung Menschen und Computeranimation weiter zu
perfektionieren. Als Projektpartner war der Schauspieler Tom Hanks dabei, mit
dem er bei "Forrest Gump" seinen bisher größten Erfolg feiern konnte.
Gemeinsam machten sie sich daran, ein kleines Weihnachtsbuch von Chris Van Allsburg (1985) zu verfilmen, das in den USA zu einem echten Vorlese-Klassiker
in der Vorweihnachtszeit geworden ist. Darin geht es um einen Jungen, der so
langsam das Alter erreicht, in dem erste Zweifel an die Existenz des
Weihnachtsmannes keimen. Kurz vor der Bescherung taucht plötzlich ein
geheimnisvoller Zug auf, der eine Schar von Kindern einsammelt, die genauso
skeptisch sind.
Der "Polarexpress" startet zu seiner abenteuerlichen Fahrt zum
Nordpol, um den Kindern zu zeigen, dass es Nikolaus, fliegende Rentiere und
helfende Wichtel tatsächlich gibt. Als Zugbegleiter, um es im Mehdorn-Bahn-Deutsch zu formulieren, ist ein gestrenger, aber dennoch gutmütiger
Herr dabei, der Tom Hanks sehr ähnlich sieht.
Der Grund für diese Ähnlichkeit ist das "Performance Capture"-Verfahren, bei dem
der Schauspieler mit einer Reihe von Sensoren bestückt wird, die Signale an eine
Infrarotkamera senden. Die Signale werden dann im Computer umgewandelt und auf
eine digitale Struktur übertragen. Als Endergebnis entstehen schließlich
digitale Gesichtszüge, realistische Mimik oder flüssige Bewegungen, die denen
der Schauspieler stark gleichen. Mit dieser Technik hatte schon Peter Jackson beim "Herr der Ringe"
den hinterhältigen Gollum zum Leben erweckt.
Beim "Polarexpress" übernahm Tom Hanks gleich fünf Rollen.
Ausgerüstet mit einem hautengen Datenanzug, bestückt mit 194 Sensoren, davon
alleine 150 im Gesicht, musste er in einem kargen Studio die einzelnen Szenen
spielen, die von 72 Kameras aufgezeichnet wurden. Nur die Augen konnten nicht
bestückt werden und mussten daher nachträglich im Rechner hinzugefügt werden.
Die
Computer-Animateure simulierten dann Kamerabewegungen, mischten Nebenfiguren sowie
Umgebungen hinzu, um die digitalisierten Personen in fantastische
Welten zu integrieren. Diese aufwändige Technik kostete die Kleinigkeit von rund
170 Millionen Dollar und das sieht man dem Film auch an.
Noch nie sind Menschen so lebensecht oder Gegenstände so detailliert dargestellt
worden wie in diesem Film. Welch technische Fortschritte in der
Computer-animation in den letzten Jahren gemacht wurden, wird einem klar, wenn
man zum Beispiel den Film "Final
Fantasy" dagegen hält, der damals auch mit dem Anspruch hoher
"Lebensechtheit" dank Motion Capturing angetreten war.
"Der Polarexpress" hat in optischer Hinsicht
ein neues Kapitel aufgeschlagen, aber reale Schauspieler müssen sich
(noch) keine Sorgen, um ihren Arbeitsplatz machen. Die Gesichtszüge und
Bewegungen der Figuren wirken oftmals wirklich verblüffend echt, aber dennoch
strahlen sie ein gewissen Gefühl von Kälte, Starrheit und Künstlichkeit
aus, als versuchten perfekt gestaltete Schaufensterpuppen Menschen zu spielen.
Das ist um so surrealer, wenn gleich mehrere Figuren unübersehbare Ähnlichkeit
mit Tom Hanks aufweisen.
Es wird also einiges fürs Auge geboten, insbesondere die alte Dampflokomotive,
Tiere, Gegenstände und Landschaften sind voller beeindruckender Details und perfekt animiert.
Leider geht bei aller Optik und technischen Raffinesse, die Geschichte verloren
- und das ist bei einer Weihnachtsgeschichte für Kinder besonders tragisch.
Vielleicht gibt das Original auch nicht wirklich den Stoff für einen Film her:
Die Reise mit dem "Polarexpress" wird zwar durch einige Schwierigkeiten
immer wieder verzögert, aber sie zieht sich doch - ähnlich wie eine 4-Stunden
Fahrt mit dem ICE - etwas in die Länge.
Die Ankunft am Polarkreis und die anschließende Feier zum Start des
Nikolausschlittens ist dann amerikanische Weihnachten pur. Der Weihnachtsbaum
ist mit Lichtern völlig überladen, die Geschenke werden in Fabriken massenhaft
von einem unübersehbaren Heer von Wichtelmännern produziert (China lässt
grüßen) und dazu dudelt nervige Weihnachtsmusik von Schallplatten. Als ein
Santa Clause wie er kitschiger nicht sein kann, schließlich mit seinem
Rentierschlitten abhebt, feiern die Kobold erst mal eine ausgelassene
Weihnachts-Party. Weihnachten bedeutet wohl vor allem Stress und hauptsächlich geht
es um Geschenke. Natürlich ist dies nicht die Botschaft des Films, sondern
es geht darum, dass nicht immer nur das, was man sieht auch alleine wahr ist. Dumm
nur, dass der Film genau dies macht und Weihnachten als optischer Mega-GAU
präsentiert.
Zudem fehlt jeder Humor und insbesondere der namenlose Junge, der im Mittelpunkt steht bleibt
völlig farblos und apathisch. Vielleicht hätte Tom Hanks hier sein Ego
etwas zurückschrauben und die Rolle wie bei den anderen Kinderfiguren
einem anderen erwachsenen Schauspieler überlassen sollen.
Es bleiben einige stimmungsvolle Lieder und kurze anrührende Momente, aber ein
Weihnachtsklassiker sieht für mich so nicht aus. Zwar konnte der Film in den USA
über 100 Millionen Dollar einspielen und die IMAX-Version brachte dicke
Gewinne, aber mit dem wenig später gestartetem Pixar-Film "Die
Unglaublichen" konnte er bei weitem nicht mithalten. So wird der Film
wahrscheinlich schon nächstes Jahr als "Free-TV"-Premiere zu bewundern sein.
In Sachen Animation hat Robert Zemeckis allerdings neue Standards gesetzt und
auf einer entsprechend großen Leinwand ist der Film stellenweise ein wirklicher
optischer Genuss. So kommt zwar kein weihnachtliches, aber dafür
tricktechnisches Staunen auf und statt einem besinnlichem Fest, gibt es ein Fest
für die Augen.
Originaltitel |
The Polarexpress |
Produktionsfirmen |
Playtone Company, Castle Rock Entertainment, Universal CGI, Warner Bros.... |
Regie |
Robert Zemeckis |
| Produzenten | Gary Goetzman, Steve Starkey, William Teitler, Robert Zemeckis |
Ausführender Produzent |
Tom Hanks, Jack Rapke, Chris Van Allsburg |
Drehbuch |
William Broyles, Robert Zemeckis |
| Vorlage | Chris Van Allsburg |
Musik |
Glen Ballard, Alan Silvestri |
Jahr |
2004 |
Länge |
99 Minuten |
| Internet | www.warnerbros.de/movies/polarexpress/ |
