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Der Schatzplanet
Im Jahre 2002 gab es endlich wieder einen "richtigen" Weihnachts-Disney, aber
vielleicht wird dies der letzte aus den Disney-Studios sein, der noch von Hand
gezeichnet wurde. Schuld daran sind die katastrophalen Einnahme-Ergebnisse in
den USA, die diese Neuinterpretation von Stevenson´s "Die Schatzinsel" dort
erzielte. Dabei waren die Kritiken zwar nicht enthusiastisch, aber attestierten
dem Film einen akzeptablen Unterhaltungswert bei hervorragender Animation.
Dennoch mieden die Amerikaner den Film wie der Osterhase Weihnachten und ließen
das zarte Pflänzchen Hoffnung von Disney weiterhin tolle, aber auch kostenintensive,
traditionell animierte Trickfilme zu sehen, weiter schwinden. Und das bei einem
Film, der wirklich alles bietet, was einen guten Kinoabend ausmacht: Spannung,
Witz, sympathische Charaktere, alles perfekt dargeboten in einer
mitreißenden Story.
"Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson
gehörte lange Zeit zum Bücher-Kanon, den man irgendwann als Junge gelesen hat. Die dramatischen Abenteuer des
Jungen
Jim Hawkings, der sich auf
die Suche nach dem legendären Piratenschatz des Kapitän Flint macht, haben viele Kinder
und Jugendliche in ihren Bann gezogen. Dieser Abenteuer-Klassiker wurde nun fast 1
zu 1
in eine spannende Science Fiction Story verpackt.
Statt mit Segelschiffen über die Weltmeere wird nun mit
Solarsegel betriebenen Raumschiffen durch das Weltall gesegelt. Dabei
trifft man auch auf gemächlich im All treibenden Bartwale (Fantasia
2000 lässt grüßen). Allerdings haben
räuberische Piraten ebenfalls ihr blutiges Handwerk von den Ozeanen
in die Galaxis verlagert, nur dass die Besatzungen jetzt aus verschiedensten Aliens
zusammengewürfelt sind.
Diese faszinierende Mischung aus Alt und Neu macht einen
besonderen Reiz des Films aus. Auf der einen Seite gibt es Aliens,
Strahlenwaffen und holografische Schatzkarten auf der anderen Seite sehen die
Raumschiffe aus wie große Segelschiffe, die nicht nur so aussehen, sondern auch
so kommandiert und gehandhabt werden. Dann ist da die Gaststätte von Jims
Mutter, zwar voller außerirdischer Gäste, aber ansonsten wie
englisches Gasthaus aus dem 18. Jahrhundert wirkend. Auch bei der Kleidung scheint
in der Zukunft Retro-Look angesagt zu sein. All diese Gegensätze stören aber überhaupt nicht,
sondern sind einer der besonderen Reize des Films. Hierfür wurde im Studio die
Formel 70 zu 30 geprägt, die besagt, dass 70 Prozent einer Szene bekannt und 30
Prozent futuristisch wirken sollen.
Als ein Fremder Jim mit letzter Kraft eine geheimnisvolle Kugel übergibt, die
den Weg zum legendären Schatzplaneten weist, beginnt ein dramatisches Abenteuer
für den "verhaltensauffälligen" Teenager. Mit Hilfe des hundeähnlichen
Wissenschaftlers und Familienfreundes Dr. Doppler wird eine Expedition ausgerüstet - nur hat der Cyborg John Silver mit seiner Piratenbande die Mannschaft
des Schiffes "RLS Legacy" unterwandert. In dieser faszinierenden Figur werden
übrigens Computer-und klassische Animation gemischt. Ganz aus dem Computer
stammt hingegen Johns
Begleiter, ein putziges,
gallertartiges Alien namens Morph, das sich in jede Form verwandeln kann - ein
echter Liebling bei Kindern und Erwachsenen. Während Long John widerwillig
väterliche Gefühle für den weitgehend ohne Vater aufgewachsenen Jungen
entwickelt, kann es seine Mannschaft nicht abwarten zuzuschlagen.
Als der Planet tatsächlich gefunden wird, kommt es zur Meuterei. Jim, Dr.
Doppler und der katzenhaften Kommandantin Amelia (toll gezeichnete und
interessante Figur) gelingt die Flucht auf den Planeten, wo sie auf den
durchgeknallten Roboter B.E.N. treffen, dem die Hauptplatine entfernt wurde. Er sorgt ebenfalls
für etwas Humor im spannungsreichen Finale.
Natürlich ist der Schluss dann doch wieder Happy End á la Disney, aber das geht
in Ordnung.
Hatte man im Vorjahr noch vergeblich versucht mit "Atlantis" einen actionreichen
Abenteurerfilm für ein eher älteres Publikum zu produzieren, ist es mit dem
"Schatzplaneten" gelungen, Jung und Alt Spaß und Spannung auf höchstem
zeichnerischen Niveau zu bieten. Die Sequenz der Supernova und der Untergang des
Planeten sind ein Augenschmaus. Hinzu kommen rasante Kamerafahrten mit
dem Space-Skateboard, die sich hinter George Lucas nicht verstecken brauchen.
Fantasievolle Geschöpfe, eine Reihe von kleinen Gags und ein Musikstück, das
aber nicht von einer der Figuren gesungen wird, runden einen gelungenen
"Disney" ab. Schade nur, dass in der Flut vorweihnachtlicher Highlights, der Film
sträflich unterging und die Früchte von fast vier Jahren Arbeit bei Kosten von
rund 140 Millionen Dollar nicht geerntet werden können. Weniger kostenintensive
Filme mit mehr Computereinsatz und strafferer Produktionsweise wie "Lilo
& Stitch" werden neben Fortsetzungen von Klassikern wohl die Zukunft bei
"Disney" bestimmen.
Wer übrigens die beiden Regisseure im Film sehen will, muss auf die Szene
achten, bei der Jim und Dr. Doppler im Raumhafen nach dem Weg fragen. Der
gefragte Roboter und das Alien tragen die Gesichtszüge der beiden Macher.
Überraschend kam dann doch ein spätes Lob in Form der Nominierung für den
Animations-"Oscar". Bekanntlich zeigt Hollywood Flops meist die kalte Schulter -
schön, dass dieser Film wenigsten so noch etwas Lob einheimste.
Originaltitel |
The Treasure Planet |
Produktionsfirma |
Walt Disney Pictures |
Regie und Produzenten |
John Musker; Ron Clements (Aladdin, Herkules) |
Drehbuch |
Barry Johnson |
| Vorlage | Robert Louis Stevenson "Die Schatzinsel" |
Musik |
James Newton Howard; John Rzeznik (Song) |
Jahr |
2002 |
Länge |
85 Minuten |
Internetseite |
disney.de/schatzplanet |
