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Das wandelnde Schloss

Inzwischen müssen die Fans in Deutschland nicht mehr mit jahrelanger Verzögerung rechnen, um die wundersamen und perfekt animierten Geschichten des Hayao Miyazaki im Kino sehen zu können. Leider sind es hierzulande nach wie vor meist nur weniger als eine halbe Million Zuschauer, die mal keinen Animationsfilm von Disney, Pixar oder Dreamworks sehen wollen, sondern sich statt dessen von einer Fülle atemberaubender handgezeichneter Bilder verzaubern lassen.
Fast schon Routine hingegen, dass in Japan auch dieser Film zu langen Schlangen vor den Kinos führte (14 Millionen Besucher!) und das Miyazaki-Fieber weiter anhielt.

Hat man im Vorfeld den Inhalt gelesen kommt einem einiges bekannt vor: Wieder steht ein Mädchen im Mittelpunkt, das eine schwere Prüfung zu bestehen hat, sich dabei selbst findet und natürlich auch einen Gefährten. Daneben geht es um böse Hexen, selbstverliebte Zauberer, verschiedene Dämonen, und einem Feuergeist, aber auch Krieg, Elend und Verwüstungen der Natur. Alles Themen, die man auch schon bei "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland" fand. Dennoch zeigt sich beim Anschauen des Films bald, dass es sich trotz einiger bekannter Topoi nicht um einen bewährten Aufguss der Vorgänger handelt.
Anders als bei den letztgenannten Filmen hat sich Miyazaki dieses Mal bei einer literarischen Vorlage aus dem Westen  bedient - einem Fantasy-Jugendbuch der Britin Diana Wynne Jones mit dem Titel "Sophie im Schloss des Zauberers" (1984). Dennoch zeigt sich schon bei der Eröffnungsszene, dass sein Studio Ghibli seinen ganz eigenen Stil nicht verleugnen kann und auch nicht will.

Die Eröffnungssequenz erinnert sofort an Heidi: Eine nostalgische Kulisse des 19. Jahrhunderts, satt-grüne Wiesen, Fachwerk, Kutschen,  darin ein zurückhaltendes, fleißiges Mädchen in einem Hutladen - aber dieses scheinbar realistische Idyll zeigt bald Risse. In das Flair der Habsburger Zeit um 1900 mischen sich phantastische Erfindungen wie sie Jules Verne erdacht haben könnte und geben der Szenerie eine verwirrende Mischung aus Nostalgie und Moderne. Hinzu kommen dann noch mystische Elemente wie unheimliche, dunkle Gestalten und Schemen, die einen jungen Mann verfolgen. Die Hutmacherin hilft spontan diesem jungen Herrn, der sich als der mächtige und berüchtigten Zauberer Hauro herausstellt, der in einem wandernden Schloss zu Hause ist. Diese Hilfeleistung muss Sophie jedoch teuer bezahlen, denn eine so um ihre Pläne gebrachte alte Hexe lässt das Mädchen über Nacht zu einem 90-jährigen Mütterchen werden.
Doch die so rasch gealterte besitz weiter die Energie eines jungen Mädchens - und so macht sie sich auf, um in den Bergen das wandelnde Schloss aufzusuchen, damit Hauro den Fluch wieder von ihr nimmt. Zwar gelingt ihr dank der Hilfe einer Vogelscheuche tatsächlich in das wie eine riesige metallische Maschine durch die Gegend stelzende Ungetüm einzudringen, aber statt Hilfe findet sie eine Anstellung als Hausmädchen in einem typisch chaotischen Männer-Haushalt. Neben Hauro leben hier der kindliche Helfer Markl und der Feuerteufel Calcifer, der nicht nur das Schloss befeuert, sondern auch eine rätselhafte Symbiose mit dem Herrn des Hauses eingegangen ist. 
Undurchsichtig und in sich zurückgezogen bleibt für Sophie auch zunächst Hauro. Er pendelt verwandelt als mächtiges Flugwesen mittels magischer Türen zwischen zwei mächtigen Reichen hin und her. Doch wird seine passive und neutrale Rolle zunehmend schwerer für ihn als zwischen den beiden Staaten ein grausamer Krieg ausbricht, der mit mächtigen Bomberflotten, aber auch Magie geführt wird. Mitten in diesem grausamen Krieg versucht Sophie das Geheimnis des jungen Zauberers zu lüften und ihn vor seinem eigenen Untergang zu bewahren, denn schon längst hat sie sich in ihm verliebt.

Was sich hier als einfache Geschichte liest, ist eine ziemlich verzwickte Story, die eine Reihe von überraschenden Wendungen und Entwicklungen durchmacht. Dabei konnte ich ehrlich gesagt im Verlauf der Handlung nicht immer so recht folgen und habe die Motive der einzelnen Personen teilweise nicht verstanden. Vielleicht tut man sich leichter, wenn man das Buch bereits kennt, aber die etwas verworrene und manchmal auch etwas langatmige Geschichte trübt leider das Bild eines ansonsten perfekten Trickfilms. Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke: Interessante Charaktere und detaillierte Hintergründe zeigen absolute Meisterschaft bei den Zeichnungen. Dies macht dem Zuschauer bewusst, dass es ein riesiger Verlust wäre, wenn in Zukunft alleine computeranimierte Filme die Animation bestimmen würden.

Hoffentlich werden Künstler wie Miyazaki die Tradition des brillant umgesetzten handgezeichneten Trickfilms weiter fortsetzen und Disney beweisen, dass gute Animationsfilme immer ein Publikum finden - egal ob per Hand gezeichnet, am Computer entwickelt oder mit Puppen realisiert.

Originaltitel Hauru no ugoku shiro (US Titel: Howl's Moving Castle)
Produktion/Animation Studio Ghibli, NTV, Nippon Television Network u.a.
Produzenten Toshio Suzuki, Rick Dempsey, Ned Lott,
Ausführende Produzenten John Lasseter, Hayao Miyazaki
Regie Hayao Miyazaki
Drehbuch Hayao Miyazaki
Vorlage Diana Wynne Jones
Musik Joe Hisaishi (Score); Yumi Kimura (Titelsong)
Jahr 2004
Länge 117 Minuten
Homepage bventertainment.go.com/movies/spiritedaway/index.html
www.chihirosreise.de/

 

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